Lieber Cord,
mehr als 20 Jahre lang war es eine Freude und ein Glück, mit Dir zusammen zu arbeiten, liebevoll zu lästern und über das Leben und später Sterben nachzudenken. Du konntest die Aufgaben wichtig, Dich selbst aber nicht zu ernst dabei nehmen.
Als wir uns als Mitglieder der von Rainer Krause im Auftrag der DPG zusammengestellten Forschungskommission der DPG 2005 in Saarbrücken kennen lernten, hast Du die Geschichte
Deiner Aus- und Weiterbildungen als die eines spannenden Abenteuers erzählt - mit Freundschaften, Feiern und Fehden, ambivalenten FeldherrInnen, mit denen es zu kämpfen galt, mit wichtigen Siegen und vorübergehenden Niederlagen – und mit einem selbstironisierenden Augenzwinkern und einer ungeheuren Neugier an anderen.
Unsere jährliche „Summer School der DPG zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses“ machtest Du zu einem fruchtbaren, humorvollen und mit ihrem offenen, intensiven Austausch auch erholsamen Arbeitsraum. Du hast es genossen, mit Freunden und Kollegen psychoanalytische Theorien und empirischer Forschung zu verbinden und dabei andere zu fördern. Als einer von wenigen hast Du die Verfahrensvielfalt in der Psychotherapie als Forderung nicht unter machtpolitischen Gesichtspunkten gesehen. Du warst inhaltlich überzeugt von dem, für das Du gestritten hast. So waren Dir auch politische Gegner selten dauerhaft böse – selbst wenn Du als einziger Psychoanalytiker in vielen Gremien gegen Deine KollegInnen mehr durchsetztes, als Dir zugestanden werden sollte.
Du hast keinen Ärger gescheut, wenn du Dich gegen Aufträge und Ansinnen wehrtest, die bestimmte „wissenschaftliche“ Ergebnisse wünschten und vorherbestellen wollten. Deine andere mitdenkende, klare Unabhängigkeit nach allen Seiten hat Dir Achtung und gute und treue FreundInnen jenseits von Schulrichtungen verschafft. Du mochtest den offenen Streit, pragmatische Lösungen ebenso wie ein klares Nein zu übergriffigem Verhalten in Institutionen und Gremien. Du kamst und warst da: Offen, fragend, anerkennend, kritisch, auch den eigenen Annahmen gegenüber und nach Möglichkeiten der Verständigung suchend. Damit hast Du viele KollegInnen für eine psychoanalytische Aus- oder Weiterbildung gewonnen.
Du konntest Deine Freude an der Arbeit mit anderen teilen. Sie war eingebettet in ein reiches Interesse an der Welt. In den letzten 5 Jahren Deines Lebens wurde Dir der Kampf gegen die Klimakatastrophe ein zentrales Anliegen. Es ging Dir um die Zukunft der Psychologie und der Psychoanalyse, drängender aber noch um die unserer Umwelt. Manchmal warst Du fassungslos (soweit man so etwas bei Dir überhaupt sagen kann) über die Verleugnung dieses Geschehens und die alltägliche Verantwortungslosigkeit, mit der wir zu dieser Zerstörung beitragen. Du hast dieses Thema in Kassel und Lindau vertreten und bist – auch über eigene Untersuchungen – zu dem Ergebnis gekommen, dass die Erkenntnis der Hoffnungslosigkeit des eigenen Bemühens stärker dazu beiträgt, sein Verhalten zu ändern als etwa der Glaube, die Situation sei noch „zu retten“. Einige Deiner Vorlesungen hierzu sind auf YouTube abrufbar. Du hast die Genehmigung dafür von Veranstaltern manchmal gerne zugestanden bekommen, manchmal hast Du sie ihnen abgetrotzt.
Der Tod – zunächst der eines guten Freundes – ist früh präsent gewesen für Dich. Deinen hast Du auf eine beeindruckende Weise gestaltet. Du bedauertest, dass Dir kein Rotwein mehr schmecke. Und hast erzählt von der Freude, noch ein paar Schritte in den Wald machen zu können und Dich in das Moos zu legen. Vögel liebtest Du, vor allem Krähen - kluge, treue, uneitle und kooperative Vögel. Es war ein Geschenk, mit Dir in dieser Zeit sprechen zu können. Es ist auch Dein Umgang mit dem Sterben, der es vielen und auch uns so schwer macht, sich jetzt von Dir zu trennen.
Du hast Sinn gesucht in Theorien und in Deinem Handeln. Mit Klarheit, Abstand und einer nur Dir eigenen Leichtigkeit sagtest Du zu manchen aktuellen Entwicklungen: Die Lage ist hoffnungslos - aber sie ist nicht ernst. Deine Arbeit, aber mehr noch Dein Augenzwinkern, Dein Humor und Deine liebevolle Frechheit, die man Dir nicht übelnehmen konnte, bleiben uns.
Danke, Cord, für das Glück, mit Dir Zeit gehabt zu haben.
Hermann und Susanne Staats